Die folgende Predigt habe ich am Sonntag Miserikordias Domini, 19. April 2026, in der Kreuzkirche Sieglar (Evangelische Friedenskirchengemeinde Troisdorf) als Vikar gehalten. Der Predigttext war 1. Petrus 2,21b–25. Die vorliegende Fassung ist für die schriftliche Veröffentlichung sprachlich überarbeitet.
Predigt
Gnade sei mit euch und Frieden von dem, der da war, der da ist und der da kommt.
Wir stehen am zweiten Sonntag nach Ostern. Bei manchen mag der Nachklang der Osterfreude noch zu spüren sein, vielleicht findet sich auch die eine oder andere Ostersüßigkeit, die bislang noch nicht gegessen ist. Zugleich bricht in diesen Tagen die Sonne immer öfter durch die Wolkendecke und wärmt die Luft auf; man spürt, wie der Frühling um uns herum endgültig ersteht. Ostern liegt noch immer in der Luft und ist beinahe fühlbar. Auch die Erzählungen vom Leiden Jesu, seinem Tod und vor allem seiner Auferstehung sind noch keineswegs vergessen.
Doch die Kirchen waren nicht der einzige Ort, an dem die Ostergeschichte erzählt wurde. Es ist doch gerade diese Geschichte Jesu, die durch die Kirchenmauern hinaus in die weite Welt strahlt. Auch politisch wird Ostern jedes Jahr aufgegriffen und damit meine ich nicht nur die jährlichen Ostermärsche. Wer in den vergangenen Tagen die Nachrichten mitverfolgt hat, wird den verbalen Schlagabtausch zwischen dem römisch-katholischen Papst und dem US-amerikanischen Präsidenten mitbekommen haben. Letzter hatte sich schwer erzürnt über die Aufrufe zu Frieden und Barmherzigkeit, die in Rom zu Ostern verkündet worden sind.
Sie erinnern sich vielleicht auch an den US-amerikanischen Soldaten, der an Karfreitag bei einem Angriff gegen den Iran abgeschossen wurde. Bei einer Pressekonferenz am Ostermontag trat der Verteidigungsminister der USA vor die Mikrofone und Kameras, um die Rettung des Piloten zu verkünden. Dabei bemühte er ganz unverhohlen einen Vergleich mit der Leidens- und Auferstehungsgeschichte Jesu: Am Karfreitag, so der Verteidigungsminister, sei der Soldat niedergeschossen worden – am selben Tag an dem Jesus gekreuzigt wurde. Den ganzen Samstag über habe sich der Pilot versteckt: in einer Höhle, einem Spalt, der in den Felsen gehauen sei, wie das Grab Jesu. Am Ostersonntag schließlich sei der Pilot gerettet worden. Er sei ein wiedergeborener, wiederauferstandener Pilot. So wie Worte des US-amerikanischen Verteidigungsministers.
Wenige Tage zuvor war es sogar Trump selbst, der auf mit Jesus verglichen worden ist. Eine führende Predigerin in den USA, die für Trump arbeitet, sagte bei einem regelmäßigen Gebet im Weißen Haus über Trump folgendes: Trump sei verraten worden, verhaftet und fälschlicherweise beschuldigt. Dies sei ein Muster, dass wir von Jesus kennen würden und dieser bereits durchlebt hatte. Und so wie die Geschichte Jesu nicht mit dem Kreuz geendet habe, so habe sie auch für Trump nicht geendet. Gerade weil Jesus auferstanden sei, habe auch Trump das Attentat auf ihn überlebt und die Wahlen erneut gewonnen. So die Andacht der US-Predigerin zu Ostern.
Mit solchen Vergleichen sagt die US-amerikanische Regierung mehr etwas über sich selbst aus als über Jesus. Sie sprechen zwar über Jesus, aber über ihn hinweg über sich selbst. Sie macht sich selbst gottgleich. Dagegen halten wir als evangelische Gemeinde, als evangelische Kirche jene Wort aus dem Evangelium des Johannes, welche wir gerade in der Lesung gehört haben: Jesus Christus ist unser Hirte, nicht Donald Trump. Jesus Christus folgen wir, nicht Donald Trump. Jesus Christus ist es, der Frieden und Leben schafft, nicht Donald Trump. Und vor zweiundneunzig Jahren waren es die Worte der Barmer Theologischen Erklärung, die es zur Zeit des Aufstiegs des Nationalsozialismus auf den Punkt gebracht haben: Jesus Christus ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören und auf das wir zu vertrauen haben. Wir verwerfen die falsche Lehre, als gebe es daneben andere Mächte oder Gestalten, die wir als Gottes Offenbarung anerkennen.
Die Kritik an der US-amerikanischen Regierung, an Jesu- und Gott-Vergleichen dieser Art ist naheliegend, notwendig und richtig, aber sie ist auch ein wenig einfach. Uns allen ist bewusst, dass solche plumpen Identifikationen nicht die gute Botschaft Jesu Christi sind. Bemerkenswert ist allerdings, dass diese Art des Vergleichs keine moderne Erfindung ist. Der Predigttext des heutigen Sonntags enthält eine rhetorische Figur, die dem nicht ganz unähnlich scheint. Im Ersten Petrusbrief, der um das Jahr 100 nach Christus entstanden sein dürfte, findet sich ein frühchristliches Dank- oder LOblied auf den gekreuzigten Jesus, dass unmittelbar im Anschluss an eine Reihe von Mahnungen an christlich gewordene Sklav*innen steht.
Die Realität der Sklav*innen war geprägt von Unfreiheit und Machtlosigkeit, der sie kaum entkommen konnten. Sie zählten zu den besonders vulnerablen Mitgliedern der jungen christlichen Gemeinden. im Ersten Petrusbrief werden sie aufgefordert, sich unauffällig zu verhalten und sich ihren Besitzern gegenüber nicht zu widersetzen. Die Christ*innen der damaligen Zeit erlitten erste gewaltsame Verfolgungen. Sie lebten als ungeschützte, angefeindete und oft ausgegrenzte Minderheit innerhalb des großen Römischen Reiches. Während wir heute oft davon sprechen, dass wir als Christ*innen den Auftrag haben, diese Welt zu verbessern, uns für bessere Lebensbedingungen, für die Umwelt oder die Gerechtigkeit einzusetzen, lebten die frühen christlichen Gemeinden in der Erwartung, das Reich Gotteskönne jeden Augenblick anbrechen. Ihr Leben war darauf ausgerichtet, diese Zwischenzeit zu überbrücken, bis das Himmelsreich ohnehin alles verwandeln werde. Deshalb fehlen in diesen Schriften weitestgehend Aufrufe zu einem Ausbrechen aus der Sklaverei oder gar einer Beendigung dieser. Stattdessen ging es darum das eigene Lieben im Lichte des Leben Jesu zu deuten.
Die Sklaven, die sich vor fast 2000 Jahren haben taufen lassen und Christ*innen wurden, wollten verstehen, warum sie immer noch leiden müssten, obwohl sie nun an den einen, wahren Gott glauben. Das Loblied des Ersten Petrusbriefes eröffnete ihnen einen Trost, der vielleicht nicht eine direkte Antwort auf ihre Frage war, aber ihnen eine Möglichkeit bot ihr eigenes Leben und Leiden zu verstehen. Nämlich darin Christus besonders nahe zu sein und aufgehoben zu sein bei ihm.
So heißt es im zweiten Kapitel des Petrusbriefes, dass Christus für sie – für uns alle -gelitten habe. Er habe keine Sünde getan, nie etwas Boshaftes oder Hinterhältiges gesagt. Selbst als er geschmäht wurde, habe er nicht Gleiches mit Gleichem vergolten. Selbst in schwersten Leiden habe er nicht gedroht, sondern sein Leben dem gerechten Richter, also Gott selbst, anvertraut. Der Kontext dieses Lobliedes zeichnet die Leiden der Sklaven in Parallele zu den Leiden Christi. Ihr ungerechtfertigtes Leiden stehe im Licht des ungerechtfertigen Leidens Jesu. So wie er gelebt habe, so sollen auch die Sklav*innen, so sollen alle Christ*innen leben, bis das Reich Gottes anbreche.
Wie beim US-amerikanischen Piloten und bei Donald Trump werden hier Lebensgeschichten und Erfahrungen von Menschen im Licht des Lebens und Leidens Jesu gedeutet. Aber wo es der US-amerikanischen Regierung um Selbstverherrlichung oder gar Selbstvergöttlichung geht, geht es dem biblischen Text gerade nicht darum, das Leiden der Sklav*innen, das Leiden der Menschen überhaupt, als göttlich darzustellen. Gewiss gab und gibt es innerhalb des Christentums Traditionen, die unser Leiden und unsere Schmerzen als die Momente und Orte verstehen, in denen wir Gott besonders nahe sind und deshalb sollten wir dafür dankbar sein; Traditionen, die uns auffordern entbehrlich zu leben, freiwillig zu leiden, wie Jesus gelitten habe. Aber dies ist nicht der eigentliche Punkt dieses Lobliedes im Petrusbrief. Dies erkennt man besonders an seinem Schluss- und Höhepunkt, den ich bisher verschwiegen habe:
24 Jesus trug unsere Sünden selbst an seinem Leib hinauf auf das Holz, damit wir, die wir den Sünden abgestorben sind, für die Gerechtigkeit leben. Denn durch sein Foltermal seid ihr geheilt.
25 Ihr wart nämlich wie irrende Schafe, aber ihr seid nun umgekehrt, hin zum Hirten und Bischof eurer Seelen.
Das war der Trost für die Sklav*innen: Das Leiden, dass sie erleben, ist kein Zeichen dafür, dass sie von Gott verlassen sind, sondern sie sind schon jetzt Teil der Schafherde Gottes; ihre Fehler, ihre Sünden sind geheilt, und sie stehen unter Aufsicht Jesu, der über sie wacht.
Nun sind wir, die wir hier versammelt sind, keine Sklav*innen im antiken römischen Reich, kein Teil einer verfolgten christlichen Minderheit unter feindlicher Oberherrschaft. Und doch erzählt auch uns dieser Text etwas davon, wie Gott für uns ist und wie wir als Christ*innen in unserer Welt sein können. Die Hoffnung, dass mit der Auferstehung Jesu das Elend und die Leiden der Welt beendet seien und das Himmelreich unmittelbar anbreche, hat sich nicht erfüllt. Noch warten wir auf das Reich Gottes. Das Osterwunder hat nicht dazu geführt, dass alles Leiden ein Ende hätte. Wir befinden uns gerade jetzt wieder in einer Zeit, in der uns besonders deutlich wird, dass auch nach Ostern Leid und Schmerz in der Welt sind. Diese Situation lässt uns immer wieder fragen, wo denn Gott, wo Christus in all dem sei.
Auf diese Frage bietet das alte Loblied des Ersten Petrusbirefes eine Antwort; eine frohe Botschaft, die nicht vertröstet; eine gute Nachricht, die keinen falschen Trost spendet. Der christliche Gott ist kein Gott der Mächtigen, der Kriegsführer und Präsidenten. Jesus Christus ist derjenige, der das menschliche Leid kennt, der unsere SChmerzen selbst gefühlt, unser Leiden mitgegangen ist und am eigenen Leib erfahren hat. Unser Gott ist nicht der ferne, über der Welt thronende Herrscher, sondern jener, der sich in den Schmutz und Dreck dieser Welt begeben hat, der den Alltag der Menschen kennt und zu jedem und jeder Einzelnen von uns spricht: Ich kenne dich, ich fühle was du fühlst, ich liebe dich.
Christ*in zu sein, so der Erste Petrusbrief, heißt darauf vertrauen zu dürfen, dass Jesus bei uns ist, sich um uns sorgt und über uns wacht. Und wir leben dieses Vertrauen in der Gemeinschaft mit den anderen „Schäfchen“, mit den anderen Christ*innen um uns herum. Es ist gerade diese Gemeinschaft, auf die wir uns in Leiden und Krisen verlassen sollen und können. Nicht, weil dadurch das Leiden einfach aufgelöst würde, sondern weil wir gehalten sind in der Gemeinschaft, in der Gemeinde, bei Gott. Wer in einer wirklich dunklen Zeit einmal durch gemanden aufgefangen wurde – durch ein Wort, eine Geste, allein durch Anwesenheit, durch freundliche Unterstützung, durch Liebe, durch eine vergebende Umarmung -, der weiß: Das ist nicht nichts. Das ist Gott, der durch Menschen hindurch wirkt.
Jedes Mal, wo wir uns fallen lassen in den Halt der Gemeinschaft,
Jedes Mal, wo wir solidarisch miteinander sind,
Jedes Mal, wo wir jemanden auffangen und mittragen, der leidet,
Jedes Mal, wo wir unsereNn Mitmenschen mit Freundlichkeit begegnen,
Jedes Mal, wo wir nicht anderen zürnen, sondern ihnen mit Verständnis und Vergebung begegnen.
Jedes Mal, wo wir anfangen, neu ein bisschen Liebe in unsere Gemeinschaft hineinzubringen,
da handeln wir aus und in der Kraft der Auferstehung Jesu.
Dies ist die Gnade Gottes, die Misericordias Domini, die Barmherzigkeit des Herrn, nach der dieser Sonntag seinen Namen trägt: das Geschenk einer Gemeinschaft im Leid und trotz des Leides. Eine Gemeinschaft, deren Teil Jesus, deren Teil Gott selbst ist, weil er das Leid kennt und mitträgt. Unsere Gemeinschaft, die wir miteinander sind, die wir alle Schmerzen, Verlust, Krisen und Leiden kennen, das ist die Schafherde Jesu.
Und der Freide Gottes, der mehr ist als alle menschliche Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.