Die folgende Predigt habe ich am 4. Sonntag nach Trinitatis, dem 28. Juni 2026, in der Martin-Luther-Kirche in Oberlar (Evangelische Friedenskirchengemeinde Troisdorf) als Vikar anlässlich des Begrüßungsgottesdienstes der neuen Konfirmand*innen gehalten. Der Predigttext war Römer 12,17–21. Die vorliegende Fassung ist für die schriftliche Veröffentlichung sprachlich überarbeitet.
Predigt
Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt.
Liebe Konfis, liebe Eltern, Angehörige und Bekannte, liebe Gemeinde,
mit diesem Wochenende beginnt für die Gruppe der jungen Menschen unter uns eine neue Zeit. Etwa ein Jahr lang werdet ihr, liebe Konfis, nun miteinander unterwegs sein – ein Jahr, das gewiss viele schöne Momente bereithält. Aber, wie in jeder größeren Gruppe von Menschen, wird es auch Momente geben, in denen man einander nicht freundlich begegnet. Es wird mit Sicherheit, die eine oder den anderen geben, die ihr nicht besonders mögt. Das gehört zu unserem Leben als Menschen einfach dazu.
Der heutige Predigttext behandelt genau solche zwischenmenschlichen Situationen. Paulus, unser Autor, hat vor zweitausend Jahren einen langen Brief voller kluger und lesenswerter Gedanken über Gott, Jesus und uns Menschen an die christliche Gemeinde in Rom geschrieben. Am Ende des Briefes kommt er noch einmal auf ganz praktische Verhaltensweisen zu sprechen. Ich lese aus dem Brief an die Römer, dem zwölften Kapitel, die Verse 17 bis 21:
17 Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Habt anderen Menschen gegenüber nur Gutes im Sinn.
18 Lebt mit allen Menschen in Frieden, soweit das möglich ist und es an euch liegt.
19 Nehmt nicht selbst Rache, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes. In der Heiligen
Schrift steht geschrieben: „Die Rache ist meine Sache, ich werde Vergeltung üben, spricht Gott,
der Herr.“
20 Vielmehr: „Wenn dein Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken.
Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln.“
21 Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.
Anscheinend ging es in den frühen christlichen Gemeinden nicht ganz so friedlich zu. Die Gemeinde in Rom hatte es nicht leicht gehabt: Sie wurde misstrauisch beäugt von den Herrschenden und dem Rest der Stadt, und auch untereinander gab es den einen oder anderen Groll.
Diesen Menschen schreibt Paulus nun nicht, sie sollten sich gegenseitig lieben. Er beschönigt die Schwierigkeiten, die zwischen Menschen oft bestehen, nicht. Er behauptet nicht, es werde schon irgendwie Friede, Freude, Eierkuchen. Stattdessen gibt er drei konkrete Aufträge:
Rächt euch nicht.
Wenn jemand hungert, auch wenn er euer Feind ist oder ihr ihn kaum ertragen könnt, gebt ihm zu essen.
Und wenn ein Mensch, den ihr am liebsten auf den Mond schießen würdet, dürstet, dann gebt ihm zu trinken. Soweit es an euch liegt, versucht Frieden zu schaffen.
Paulus argumentiert hier als Realist. Er weiß, dass es uns Menschen mitunter schlicht nicht möglich ist, einen anderen Menschen zu mögen – aber wir können ihm dennoch mit Anstand begegnen. Er weiß auch, dass selbst der beste Wille zum Frieden nicht immer zum Erfolg führt. Manchmal scheitern alle Versuche, das Böse mit Gutem zu überwinden – manchmal, obwohl, manchmal weil wir es nicht geschafft haben, gut zu handeln.
Nicht nur im kommenden Jahr, in eurer Konfi-Zeit, sondern euer ganzes Leben lang werdet ihr immer wieder vor dieser Aufgabe stehen: in der Schule, wenn euch jemand provoziert und ihr am liebsten zurückprovozieren würdet; wenn ihr eine Note bekommt, die ihr ungerecht findet, oder in einem Unterricht sitzt, der euch zutiefst langweilt, und ihr am liebsten über die Lehrkraft oder wen auch immer lästern würdet, den ihr dafür verantwortlich macht; im Klassenchat, wenn schlecht über jemanden gesprochen wird und ihr meint, mitmachen zu müssen, um dazuzugehören; im Straßenverkehr, wenn euch jemand anhupt oder anrempelt; im Alltag, wenn euch jemand unfreundlich begegnet. Dann habt ihr stets die Wahl: Lasse ich mein Gegenüber gewinnen und reagiere in derselben Weise – oder bleibe ich freundlich, überwinde ich mit dem Guten das Böse?
Sehr oft wissen wir bereits, was das rechte Handeln wäre: nicht zurücksticheln, einfach weitergehen, freundlich bleiben. Und ich bin überzeugt, dass uns das häufig auch gelingt. Aber es gibt ebenso all jene Situationen, in denen es uns misslingt. Paulus verlangt in seinem Brief eigentlich nichts Unmögliches von uns – und dennoch schaffen wir selbst dieses Mögliche nicht immer.
Wir dürfen dabei nicht vergessen, dass diese Forderungen des Paulus nur ein kleiner Teil des längeren Briefes sind, den er an die römische Gemeinde gerichtet hat. Denn all das, was wir tun sollen, so schreibt Paulus kurz zuvor, sollen wir tun in der Barmherzigkeit Gottes – also in der Liebe und Gnade Gottes zu uns Menschen. Diese Liebe steht zuerst. Es ist nicht so, dass wir zunächst Gutes tun müssten, damit Gott sich freut, wie gut wir doch gewesen seien. Die Liebe Gottes ist das Erste. Noch bevor wir etwas leisten müssen, sagt Gott: Du bist gut genug. Du bist gut genug, um zu mir zu gehören.
Gott hat die Gemeinde in Rom, an die Paulus schreibt, Gott hat euch, hat uns alle, längst angenommen – und deshalb sollen auch wir einander annehmen, das heißt: mit Anstand behandeln. Wir sind Christen; wir sollen nicht handeln nach der Regel „so wie du mir, so ich dir“, sondern nach jener Regel, die eigentlich für uns gilt: so wie Gott mir, so ich dir.
In dem kleinen Briefausschnitt war auch von Rache die Rede. Paulus sagt nicht, Rache sei abzuschaffen oder ein sinnloser Gedanke. Er sagt vielmehr: Rache ist nicht unsere Aufgabe, sondern liegt in Gottes Hand. Ich muss mich also nicht selbst darum kümmern, das Böse, das andere mir angetan haben, zu vergelten, sondern darf es Gott überlassen.
Aber nicht nur die Rache, auch etwas anderes dürfen wir an Gott abgeben: nämlich unsere Schuld, wenn es uns nicht gelingt, Gutes zu tun und Frieden zu schaffen. Wir Menschen sind darin oft nicht sonderlich geübt, zumal jenen gegenüber, die uns schlecht behandeln. Doch jedes Mal, wenn uns auffällt, dass wir es wieder einmal nicht geschafft haben, dürfen wir uns daran erinnern: All diese Fehler hat Gott gesehen und gesagt: Nein, ich möchte nicht, dass dich das zugrunde richtet; ich möchte, dass du dennoch zu mir gehören kannst. Deine Fehler sollen uns nicht trennen.
Und deshalb ist Gott in Jesus Mensch geworden, hat mit uns gelitten und ist am Ende durch Menschenhand am Kreuz gestorben, aber auch wieder auferstanden. Ja, wir Menschen tun manchmal ebenso oft Schlechtes wie Gutes, aber die Auferstehung zeigt uns, dass das Schlechte niemals das letzte Wort behält, sondern wir mit Gott, mit Jesus immer wieder von Neuem die Möglichkeit haben, Gutes zu tun. Es ist wie ein göttliches Power-Up, ein Extraleben, das uns eine weitere Chance gibt, das Böse mit Gutem zu überwinden.
Und genau das – dass wir es nicht immer schaffen, vielleicht sogar seltener, als es uns gelingt – das wusste Gott schon, lange bevor einer von uns geboren wurde. Und dennoch entscheidet sich Gott für dich, für euch, für uns alle hier. Weder die Gemeinde in Rom noch wir heute sind ein Haufen perfekter Menschen. Das weiß Gott – und er will uns dennoch bei sich haben. Besonders deutlich wird das an denen, die bereits als kleines Kind getauft wurden: Ein solches Baby kann ja noch nichts Bemerkenswertes geleistet haben, und es wird gewiss noch viele Fehler in seinem Leben machen – und dennoch sagt Gott: Das ist für mich kein Hinderungsgrund. Ich liebe die Menschen, auch wenn Böses in ihrem Herzen ist. Und ebenso gilt dies für alle, die später getauft wurden oder werden: Gott legt euch keine Prüfung auf, bevor ihr zu ihm gehören könnt.
Weder Gott noch wir erwarten von euch Konfis, dass ihr bis zur Konfirmation „perfekte Menschen“ werdet – und auch nicht danach. Das ist ohnehin nicht möglich.
Ja, ihr werdet gewiss viel Freude erleben im kommenden Jahr, schöne Erinnerungen sammeln. Und es wird auch Momente geben, in denen es unter euch oder mit uns ein wenig unharmonisch zugeht. Das ist normal. Aber für diese Momente ist uns allen der Auftrag des Paulus mitgegeben: Versucht Frieden zu halten, soweit es euch möglich ist. Rächt euch nicht. Teilt Essen und Trinken miteinander. Denn Gott liebt euch – dich, und auch die Menschen, die du vielleicht nicht so gerne hast. Und wenn das einmal nicht gelingt, seid ihr, seid die anderen dennoch Teil der Gemeinschaft Gottes, und ihr dürft es ein weiteres Mal versuchen.
Denn es gibt keine Eintrittsprüfung in die Gemeinschaft Gottes. Wir überwinden das Böse mit Gutem auch keineswegs allein aus eigener Kraft, sondern Jesus Christus hat dies für euch und an eurer Stelle bereits getan – am Kreuz, durch seinen Tod und seine Auferstehung, ein für alle Mal. Gottes Liebe zu uns bedeutet, dass das Böse niemals das letzte Wort behält – weder das Böse in anderen Menschen noch unsere eigenen Fehler. Gott hat das Böse für uns endgültig überwunden, und deshalb stehen wir immer wieder vor der Aufgabe, es im Namen Gottes in unserer kleinen Alltagswelt ebenso zu tun. Und jeder dieser Versuche ist gegründet in der Liebe Gottes zu uns, die fest steht und nicht verloren gehen kann.
Die Gnade und der Friede Gottes durch unseren Herrn und Retter Jesus Christus sei mit euch allen, in Ewigkeit. Amen.